Dr. Bernhard Huber-Stiftung
Bericht Juli 2021
Liebe Afrikafreunde, ich bin wieder zurück aus Swaziland. Nur wenige Stunden nach meiner Abreise haben sich dort die Ereignisse überschlagen. Die Bevölkerung kämpfte schon länger für mehr Demokratie – „We want free speech“. Doch die Proteste sind jetzt in Gewalt umgeschlagen. Die Regierung hat die Grenzen geschlossen, eine Ausgangssperre verhängt, das Internet sowie den Strom abgeschaltet und lässt Polizei und Militär auf unbewaffnete Demonstranten schießen. So wurde u.a. ein zwanzigjähriger Mann aus der Nachbarschaft unseres Kinderdorfes erschossen. Es ist fürchterlich, etliche Menschen wurden verhaftet oder werden vermisst. Von dieser rasanten Entwicklung habe ich während meines Aufenthaltes nichts mitbekommen. Auch meine Freunde in Swaziland sind überrascht, dass es jetzt so schnell eskaliert ist. „Doctor, you are so blessed that you left Swaziland in time“, sagen sie mir. In der Tat hatte ich großes Glück – schon einen Tag später hätte ich nicht mehr ausreisen können. Dass die Menschen in Swaziland aufbegehren, ist nur allzu verständlich. Der ausschweifende, luxuriöse Lebensstil der Königsfamilie steht im krassen Widerspruch zum täglichen Existenzkampf der breiten Bevölkerung. Dieses Spannungsfeld wurde jetzt einfach zu groß. Aktuell ist die explosive Gemengelage wohl durch coronabedingte Jobverluste und stark gestiegener Lebensmittelpreise eskaliert. Der letzte Funke war dann vielleicht auch noch die Ankündigung des Königs, ein neues Parlamentsgebäude bauen zu wollen, welches das prunkvollste und teuerste im südlichem Afrika werden soll. Dadurch offenbart der Monarch fehlende Empathie für sein eigenes notleidendes Volk. Ich bin froh, dass die Menschen in Swaziland, die wir schon so lange kennen und unterstützen, wohlauf sind. Unmittelbar vor der Krise konnten wir noch viele Familien mit Lebensmitteln versorgen. Aktuell sind Lebensmittelimporte aus Südafrika – das ja derzeit selbst von Unruhen erschüttert wird – offenbar ausgesetzt. Darüber hinaus erwartet man in Swaziland die dritte Corona-Welle, die schon heftig in Südafrika angekommen ist. Aus all diesen Gründen waren während meines jetzigen Aufenthaltes größere Bauvorhaben oder Brunnenbohrungen nicht möglich. Ich hoffe, sie baldmöglichst nachholen zu können. Sakhile, die wegen ihrer schweren Lungenerkrankung auf ein Sauerstoffgerät angewiesen ist, musste jetzt ins Krankenhaus, da sie wegen des abgestellten Stroms ihr Sauerstoffgerät nicht mehr nutzen konnte. Sie hat auch Einkommenseinbußen, weil ihre vom Internet abhängigen Schreibarbeiten derzeit unmöglich sind. Für Nthando, die behinderte junge Frau, ist ihr Zuhause – ein „Käfig im Freien“ – mittlerweile unzumutbar geworden. Zum Glück konnten wir sie für vier Wochen in einer stationären Einrichtung unterbringen, wo sie sich gut erholt hat. Mittelfristig planen wir, für Nthando und ihre Mutter ein kleines Haus zu bauen. Im Kinderdorf geht es allen gut, es ist schön zu sehen, wie alle wachsen und erwachsen werden. Leider sind wegen der aktuellen Situation alle Schulen wieder geschlossen. Derzeit ist Winter in Swaziland, so kauften wir für unsere und einige andere Kinder warme Bettdecken. Was haben wir darüber hinaus noch erreicht? 1. Bildung: Zwei junge Menschen haben wir zusätzlich in unser Bildungsprogramm aufgenommen und schenken ihnen so eine berufliche Perspektive: Der 21- jährigen Neliswa finanzieren wir die Ausbildung zur Krankenschwester im Good Shepard Hospital in Siteki. Dem 32-jährigen Sabelo (siehe Foto) ermöglichen wir ein IT-Studium. Darüber hinaus haben wir Schuluniformen und -taschen für unsere Schulkinder besorgt. 2. Landwirtschaft: Wir haben zahlreiche Pflanzensetzlinge sowie Bananen- und Papayabäume gekauft und eingepflanzt – insbesondere in unserem Kinderdorf. Gerade vor dem Hintergrund steigender Lebensmittelpreise wird die Eigenproduktion von Lebensmitteln und damit die Autonomie der Menschen immer wichtiger. 3. Infrastruktur: Im Waisenkinderdorf waren einige kleinere Reparaturen fällig. Für eine arme Familie bezahlten wir das Wasser zum Auffüllen ihres 5.000 Liter- Wassertanks, einer anderen Familie beglichen wir die Stromrechnung, für eine weite besorgten wir eine Gasflasche zum Kochen. 4. Gesundheit: Ich behandelte viele Patienten und verteilte Medikamente. Für eine Patientin wurden die Krankenhauskosten beglichen. Außerdem habe ich wieder mitgebrachte FFP2-Masken verteilt, dieses Mal im Government Hospital in Mbabane, aber natürlich auch in unserem Kinderdorf und an viele Menschen, die ich unterwegs traf. 5. Frauenprojekte: Die finanzielle Unterstützung für allein erziehende Frauen geht im Sinne der Women Empowerment weiter. Man sagt: “If you educate a woman, you educate a nation.” – Wer eine Frau bildet, bildet eine ganze Nation. 6. Small Business: Einer selbstständigen Handwerkerin besorgten wir Material. Sie stellt Schmuck her und verkauft diesen über das Internet. 7. Needy People: Dieser Aufgabenbereich wird immer größer, denn immer mehr Menschen kommen in Not, u. a. wegen der teuren Nahrungsmittel. Im Moment mache ich mir große Sorgen um die Menschen in Swaziland. Hoffentlich eskaliert die Gewalt im Land nicht weiter – hoffen wir das Beste! Vielen Dank euch allen für eure Unterstützung, den Menschen dort zu helfen. In einigen Monaten werde ich wieder nach Afrika reisen. Es bleibt noch so viel zu tun… Herzliche Grüße,
Zukunft für die Welt
unterwegs mit Nomkhosi